Zum Tode Lou Reeds

Als mich neulich die Nachricht vom Tode Lou Reeds erreichte und daraufhin das Netz voll war mit Nachrufen und Gedanken zu seinem Wirken und seinem Einfluss auf die Rock- und Popmusik, erinnerte ich mich daran wie ich als Jugendlicher die Platte mit der Banane rauf- und runterhörte.

Dass The Velvet Underground damals Pioniere waren mit ihren schrägen, teilweise monotonen und primitiven Sounds und Songstrukturen, war mir aber mit 16 überhaupt nicht bewusst.
Dass sie da etwas „anders“ machten als andere Rockbands in den 60ern, dass sie Hörgewohnheiten aufbrachen, dass es in den Texten um harte Drogen, Sucht und Sadomaso, um den Lifestyle der New Yorker Kunst Boheme in Andy Warholes Factory ging: keine Ahnung.

Mit der Bananenplatte war dann auch Schluss. Was experimentelle Sounds betrifft, waren mir als Teenager Pink Floyd näher. Ansonsten vom Blues inspirierte Bands wie Led Zeppelin oder AC/DC.

Als ich Anfang der 90er wieder den Lärm für mich entdeckte, dieses Mal in Gestalt von Sonic Youth, auch verwurzelt in der New Yorker Kunstwelt, führte dies nicht etwa zu einer Rückbesinnung auf The Velvet Underground oder Lou Reed.
Mein Interesse für die verschiedenen Wurzeln unser Popkultur beschränkte sich immer noch auf traditionelle Einflüsse wie den Blues, Folk, Country und Rock’n’Roll.

Und so sollte es auch bleiben. In meinem Bewusstein stand Lou Reed bald immer mehr für schwarze Rollkragenpullover und eine eine kalte, intellektuelle, abgehobene artsy fartsy Welt, mit der ich nichts zu tun haben wollte.

Und trotzdem trifft Lou Reeds Tod einen Nerv in mir. Warum?

Vielleicht, weil er ein Vertreter einer Zeit des Aufbruchs und der Möglichkeiten war? In der sich nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich viel tat? In der alte Denkgewohnheiten aufgebrochen, für neue Freiheiten gekämpft und diese künstlerisch ausgedrückt wurden? Weil er ein Protagonist dieser Umwälzungen war, in deren Zeit ich hineingeboren wurde?

Macht mich Lou Reeds Tod betroffen, weil es mir bewusst macht, dass früher oder später auch die jetzt noch lebenden Musiker, die in den 50er, 60er und 70er Jahren ihre Karrieren begannen, sterben werden? Und zwar die, die ich als meine Helden bezeichnen würde?

Vielleicht führt mir Lou Reeds Tod einfach nur vor Augen, dass – nicht nur – die musikalische Welt eine andere sein wird ohne Pete Seeger (94), B. B. King (88), Chuck Berry (87), Little Richard (80), Bob Dylan (72), Paul McCartney (71), Mick Jagger (70), Neil Young (67), Emmylou Harris (66), Iggy Pop (66), David Bowie (66), Stevie Nicks (65), Robert Plant (65), Bruce Springsteen (64), Tom Petty (63), Malcolm (60) & Angus Young (58) und so weiter. Um nur ein paar wenige zu nennen.

Einfach, weil sie langsam, aber sicher in das Alter kommen, in dem man auch ohne wilden Rock’n’Roll Lifestyle, trotz Yoga und Tai Chi, dem Tode ins Auge schaut.

Wünschen wir ihnen daher noch eine lange kreative Zeit auf Erden. Und hören wir, was sie uns zu sagen haben.

 

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