Über Schallplatten…

Viele Jahre hatte ich kaum noch Schallplatten gehört. Der Spieler stand über 20 Jahre angeschlossen an der Anlage, aber ich legte immer seltener was auf. Dann, letztes Jahr, wurde er langsam unzuverlässig, und ich brachte ihn zur Reperatur. Aber er war kaputt. Ich überlegte.

In der Vergangenheit hatte ich viel über den Rechner Musik gehört, ganz früher gab es Tapes sowie Vinyl. iTunes nervte mich mit jedem neuen Update mehr und machte keinen Spaß mehr. Ich war müde: den ganzen Tag hängt man vor dem Kasten, und dann auch noch beim Musikhören.

Ich entschied mich für einen neuen Plattenspieler und fuhr in die Bergmannstraße zu PhonoPhono, die Geräte von sehr günstig und gut bis absurd teuer und phantastisch verkaufen. Der Laden war gemütlich und sehr gepflegt, die Bedienung freundlich und sachkundig und blieb es auch als ich sagte, dass ich an einem „Einsteigermodell“ interessiert sei.
Ich nahm ein glänzend schwarzes, das nicht nur edel aussah, sondern dessen Sound mich aus meinen großen Standboxen – als ich meine erste Platte auflegte und den Verstärker aufdrehte, richtig wegblies.
So fett und präsent hatte ich wirklich lange nicht mehr Musik genossen.

Ich beschloss wieder mehr Platten zu hören. Auf den Flohmärkten fand ich zahllose Schmuckstücke für 5 Euro.
Meine erste: Emmylou Harris, Elite Hotel. Die Platte ist in tadellosem Zustand, und die Musik natürlich sowieso großartig. Keine Ahnung, ob es ne Erstpressung ist, aber das ist mir völlig egal. Darum geht es nicht. Es geht um’s Anfassen, Auflegen und Abspielen.
Was für ein Vergnügen!

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Ich kenne all die Diskussionen über Klangqualität, digital versus analog, Kompression, und über die Frequenzverluste sowie bewusstes wie unbewusstes Hören. Neil Young schreibt ausführlich darüber in seiner Autobiografie.

Aber wenn ich mich daran erinnere, wie ich als Kind mit meinem Kopf zwischen den beiden Lautsprechern meines kleinen Ghettoblasters hing, um von der Kassette meine verrauschten Radiomitschnitte (NDR2, Der Club) zu hören, dann weiß ich wie begeistert ich war.

Außerdem: als die Menschen vor 100 Jahren zusammen vorm Grammophon saßen, haben sie wahrscheinlich auch nicht die ganze Zeit über den blechernen Sound, das Knistern und Knacken geklagt, sondern entzückt den Klängen gelauscht.

Und deswegen glaube ich auch nicht, dass man Musik „richtig“ nur mit alter analoger Technik und am besten über eine superfette – und entsprechend teure – Anlage genießen und feiern kann.

Ich muss allerdings gestehen: So sehr hatte ich meine Lieblingsmusik – seit dem ich sie auf den neuen schicken Plattenspieler gelegt hatte – schon lange nicht mehr abgefeiert.

Ich verglich also…

…und bin ich nun also doch noch sowas wie „übergetreten.“

Wer mich kennt, weiß: an Nerdigkeit um zum Plattensammlerfreak zu mutieren mangelt es bei mir nicht. Aber solange es die günstigen 2nd Hand Vinyls bleiben, kann mir doch nichts passieren… oder?

Das nächste Mal: welche neue Flohmarktplatte ich erstand, wie ich in der Schlesischen Straße meinem alten Plattenspieler wieder begegnete, und welches erste Lieblingslied ich als Kind aus voller Kehle mit“sang.“