Hafenlos

So wie einem die Veränderungen
bei einem Menschen, den man nur selten trifft, stärker ins Auge fallen als bei jemandem, den man tagtäglich sieht, ergeht es uns auch mit Orten.
Da werden neue Häuser gebaut und alte abgerissen, wo früher eine Grünfläche zum Verweilen einlud, steht heute ein Parkhaus. Bunte Kindheitserinnerungen färben sich melancholisch grau.

Das alles war für mich nicht neu
als ich im vergangenen Sommer nach Friedrichskoog und Marne reiste, um dort aufzutreten.

  • Das Haus meines besten Freundes: einem Aldi-Parkplatz und Getränkemarkt gewichen.
  • Das Capitol, ein Verzehr-Kino, in das wir fast jeden Sonntagnachmittag gingen: geschlossen.
  • Das alte Krankenhaus, in dem ich geboren wurde: abgerissen und durch ein Altenheim ersetzt.
Alles wird "schön" 2

Baustellen verheißen in Marne nichts Gutes

Die Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

die alte Post

Die alte Post in Marne

Wenn das alles nur der normale Lauf der Dinge wäre,
ich würde mich damit abfinden. Aber diese Veränderungen sind auch Ausdruck des wirtschaftlichen Niedergangs meiner Heimat an der Nordsee. So viele Häuser stehen im Süden Dithmarschens leer und zum Verkauf. Aber niemand will dort leben.

Ich selber stand zusammen mit meinem Bruder
schon vor gut zehn Jahren vor dem Problem, dass wir das Haus unserer verstorbenen Mutter in Marne nicht loswurden. Immer weiter runter gingen wir mit dem Preis, bis sich endlich jemand fand, der es für die Hälfte des Betrages, den unsere Mutter wenige Jahre zuvor noch hingelegt und mittels anschließender Sanierung und Verschönerungen reingesteckt hatte, kaufte.

Paulsen

Otto Paulsen und Nachbarn

Immer wenn ich nach Dithmarschen kam,
stattete ich meinem alten Spiel- und Eisenwarenladen „Otto Paulsen“ einen Besuch ab. Nicht nur, weil ich dort als Kind meine erste Cowboy-Ausstattung gekauft hatte, sondern auch, weil ich mit seinem Sohn und mittlerweile langjährigen Geschäftsführer des Ladens Jens Paulsen in meiner ersten Band gespielt hatte.

Das Geschäft war seit über 130 Jahren eine Marner Institution. Hier gab es nicht nur alles. Hier traf man auch immer jemanden zum Quatschen.

Aber Jens muss nun schließen,
weil die Leute mit ihrem immer weniger werdenen Geld lieber im Internet einkaufen als bei ihren lokalen Einzelhändlern.

Und schließlich der Friedrichskooger Hafen.
Ein Spaziergang zu den Fischkuttern, wie sie je nach Tidenstand entweder hoch am Kai vor sich dümpelten oder im Schlick lagen, manchmal konnte man beim Entladen des Fangs zuschauen, das gehörte einfach zu einem Besuch in der Heimat dazu.

Friedrichskooger Hafen

Jack fand’s auch sehr spannend!

Aber als ich in diesem Sommer dorthin kam,
hingen überall Plakate einer Bürgerinitiative, nicht nur am Hafen, überall im Koog säumten sie die Straßen. Und ich entnahm ihnen, dass der Hafen geschlossen werden soll, weil er sich nicht mehr rentiere. Das hätten die Politiker in Kiel so entschieden. Die Bürokraten mit ihren Zahlen.

Logo der Bürgerinitiative in Friedrichskoog

Das Logo der Bürgerinitiative

Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

Es fühlt sich absurd an für mich.
Hier, in Berlin-Kreuzberg, wollen sie alle leben, immer mehr Menschen mit immer mehr Geld ziehen hierher, die Mieten steigen, und die Geschäfte werden immer schicker und teurer.
Und woanders sterben ganze Landstriche aus.

Anfang des Jahres hatte ich wie hier berichtet noch ein Lied über diese Veränderungen in „meinem Kiez“ am Görlitzer Park geschrieben.

Jetzt ist Dithmarschen dran.

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