Bob Dylan in Berlin und eine Frage

Der Tag hätte mieser nicht beginnen können. Ich wachte auf, schlug auf den Wecker ein, wälzte mich aus dem Bett und taumelte ins Bad. Die Dusche konnte mich nicht wirklich erfrischen, ein großer Kaffee auch nicht. Ich stopfte lustlos ein paar Toastbrote in mich rein und stierte komatös verstrahlt vor mich hin. Da fiel mein Blick auf den Wecker: 2:23 Uhr… Wie? Was? Es war mitten in der Nacht! Was war passiert? Hatte meine irre Nachbarin mal wieder volltrunken an meiner Tür geklingelt? Und ich hatte das im Dusel für den Wecker gehalten?

Anstatt aber nun – wie das schlaue Menschen tun würden – sofort zurück unter die Bettdecke zu flüchten… beschloss ich einen Streuselkuchen zu backen. Hatte ich meinen MitschülerInnen in der Weiterbildung versprochen, am vorigen Abend aber wieder vergessen. Jetzt fiel es mir wieder ein.

Um halb 4 war der Kuchen fertig. Theoretisch hätte ich nun immer noch locker 3 Stunden schlafen können, aber der Kaffee hatte mich angeknipst. Außerdem meinte ich, dass sich das ja nun auch nicht mehr lohne… und trödelte am Rechner rum bis ich zu besagter Weiterbildung los musste.

Ich fühlte mich als hätte ich die Nacht durchgefeiert. Zwar nicht verkatert, aber totmüde und doch wach, die Nerven blank, Hände und Knie zitterten.

Irgendwie kam ich durch den Tag und packte mich daheim nochmal 2 Stunden ins Bett. Anschließend fühlte ich mich wie ungekaut runtergeschluckt und wieder ausgespuckt. Noch ein ganz großer Kaffee und los ging’s…

Bob Dylan spielte mit seiner Band sein erstes von drei Konzerten im Berliner Tempodrom. Und ich ging hin. Wenn man sich selbst als Singer/Songwriter versteht, ist das sozusagen Pflichtprogramm. Wenigstens einmal sollte man dann Bob Dylan live gesehen zu haben. Und da ich Fan bin erst recht.

Ich saß auf einem für eine mittelgroße Spielstätte wie das Tempodrom ganz guten Platz im Unterrang. Wenn schon, denn schon, hatte ich mir gedacht, als ich die nicht billige Karte vor nem halben Jahr gekauft hatte.

Um mich herum: ältliche Lehrer- und Sozialpädagogen-Paare, einige mit ihren 20jährigen Sprösslingen, und wenn diese männlich waren, so trugen sie natürlich einen Vollbart. Mitgesungen haben dann aber nur die Väter.

Ziemlich pünktlich um 20 Uhr erklang eine Westerngitarre aus dem Dunkel der Bühne, war das schon Bob? Nein, es war einer der Gitarristen, Bob kam dann mit den anderen hinterher, und dann ging es los.
Die Band groovte, wow, das war toll, und immer wieder schauten sie zu Bob, manchmal wirkte es wirklich so als würden sie nicht genau wissen, was als nächstes passiert, als würden sie spontan reagieren, als wäre das hier ein öffentliche Session. Ich glaubte dann auch hier und da Unsauberkeiten im Spiel zu hören, was ich persönlich sehr sympathisch finde. Überhaupt Bob Dylans Klavierspiel… ab und zu haute er ganz schön daneben.
Oder war das Absicht?

Viele Songs erkannte ich erst nach einer ganzen Weile, nach dem ersten Refrain, manche wohl gar nicht, denn tatsächlich verfremdet Bob Dylan seine eigenen Lieder oft bis zu Unkenntlichkeit, was ich sehr interessant und inspirierend finde. „All along the watchtower“ bildete da eine Ausnahme, das erkennt man sofort.
Der Sound weckte in mir das schrille Bild einer postapokalyptischen Szenerie in einer gottverlassenen Wüstenstadt, in der die Band in einer runtergerockten Hotelbar vor lauter Freaks und Aussätzigen spielt.

Ich war also sehr zufrieden.

Was hatte ich mir in den vergangenen Wochen und Monaten nicht alles anhören müssen. Der Mann sei doch schon so alt und könne nicht mehr singen und wäre nur noch ein Schatten seiner selbst.
Wenn Schriftsteller alt werden und noch Bücher schreiben, bildende Künstler alt werden und noch Skulpturen anfertigen, Regisseure alt werden und mit alten Schauspieltern Filme drehen, scheint es das normalste der Welt zu sein.
Wenn aber ein Rockmusiker alt wird und immer noch spielt, ist das immer eine Bemerkung wert. Ganz besonders, wenn es sich um Bob Dylan handelt. So kommt es mir vor.
Vielleicht, weil manche mit Popkultur immer noch so was wie Jugend und jugendliches Aufbegehren assozieren. Oder weil sie im Falle Bob Dylans immer noch wie vor mittlerweile knapp 50 Jahren nicht damit klar kommen, dass der Mann einfach nicht mehr der Typ mit der Gitarre ist, der alleine „Blowin in the wind“ singt, und unabhängig davon bis heute tolle, aber eben auch ganz andere, Musik macht.

A pro po tolle Musik, die ganz anders ist. Abschließend wie angekündigt eines meiner ersten Lieder, die ich als kleiner Junge im Alter von 3 oder 4 laut gesungen habe.
Er stammt nicht von Bob Dylan, sondern sehr wahrscheinlich von einer Band, die seit ihren Anfängen Mitte der 70er Jahre immer mehr oder weniger das gleiche gemacht hat. Aber um welchen Song handelt es sich?

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